Preise für Wohneigentum – was sie treibt und was eben nicht

Wie will Deutschland künftig wohnen – und wie wird sich das auf die Preise für Wohnimmobilien auswirken? Das wird viel diskutiert. Mit Hard-facts-basierten Fragen kommen wir nicht weiter. Ein Kommentar.

Kein Wunder, beschäftigt die Frage doch jeden, der hierzulande irgendwo und irgendwie wohnen will; dazu kommen Kapitalanleger, Fondsmanager und andere Investoren. Noch weniger verwunderlich, da mit der richtigen Entscheidung für den richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt auch viel Freud und Leid einher geht. Wer sich vor zehn Jahren in Hamburgs Hafencity für Eigentum – selbst bewohnt oder „kapitalangelegt“ – entschieden hat, wird sich heute wohl als (Immobilien-)Millionär bezeichnen dürfen und muss im Zweifel nicht einmal mehr arbeiten gehen.

Immobilienpreise verstehen mit „hard facts“? Never, ever

Im Rahmen dieser wiederkehrenden Diskurse wird ebenso regelmäßig auf „harte Faktoren“ abgestellt. Wird sich das durch die Pandemie demokratisierte Home Office durchsetzen? Das würde nämlich bedeuten, dass außerstädtische Lagen attraktiver werden – und auch teurer. Wenn uns das Home Office also erhalten bleiben sollte, welche Städte sind es dann, in denen sich Unternehmen und Arbeitgeber künftig ansiedeln werden? Wo zu Hause gearbeitet wird, entfällt die Notwendigkeit, sich auf Innenstadtlagen zu fokussieren.

Auch andere immobilienrelevante Fragen tauchen auf. Wie (re-)agiert der Gesetzgeber mit den ihm zur Verfügung stehenden Instrumenten wie sozialem Wohnungsbau, Mietspiegel und Co.? Die Gesamtbevölkerung nimmt ab, aber immer mehr Singlehaushalte werden zur Zerreißprobe für den Wohnungsmarkt? In welchen Städten muss und wird es überhaupt ausreichend Wohnraum geben? Wie entwickelt sich der öffentliche Nahverkehr und was machen wir mit dem Thema „Smart City“?

Das sind Hard-facts-basierte Fragen. Und sie sind so naheliegend. Doch sie sind auch so oberflächlich. Zumindest gehen sie nicht tief genug. Alle Debatten zu diesem Thema, auch journalistische Abhandlungen und noch so kühne Thesen lassen eine entscheidende Frage unbeantwortet. Nein, sie werfen die Frage noch nicht einmal auf, geschweige wird sie diskutiert – und unerklärlicher Weise vollkommen außer Acht gelassen: Was treibt die Menschen wirklich?

Co-Working statt Home Office

Die Menschen stehen hinter der „Stadt- versus Land“- Frage und dahinter, was das Wohnen heute und in Zukunft eigentlich ausmacht und ausmachen wird. Die Generation der Digital Natives ist es dank Instagram, Snapchat, TikTok, WhatsApp und der damit „Hand in Hand“ gehenden Dauerkommunikation gewohnt, dass sich alles um sie dreht: Man schaut gerne zu und wird noch lieber gesehen.

Zu diesem Zweck hat doch die Großstadt – ob für ein Foto mit beneidenswertem Background oder das Live-Video – deutlich mehr im Angebot.  Eine ganz neue Form des „Narzissmus“ dürften selbst die neutralsten Generationenforscher kaum leugnen. Auch bezeichnend für die Gruppe der zwischen 18- und 40-Jährigen (und wohl auch für ihre Nachfolger) ist der Trend zum Co-Working – der feste Arbeitsplatz ist out – natürlich vorzugsweise in „coolen“ innerstädtischen Lagen.

Work-Life-Balance verlangt geradezu nach Urbanität

Und dann wäre da noch das bislang nie so ausgeprägte Streben nach einer Work-Life-Balance dieser Generation – und à propos auch das Reise-Thema. Selbst wenn es nur die angesagte osteuropäische Metropole für ein hippes Wochenende ist, braucht es – „Flugscham“ mal kurz beiseite – einen gut erreichbaren Flughafen.

Hobbies gehen heutzutage weit über Joggen, Fußball und Tennis hinaus: Klettern muss es sein, selbst mitten im flachen Hamburg, Yoga, Skateboarding oder Stand up Paddelingdürfenbei Teens, Twens oder den Mittdreißigern nicht mehr fehlen. Weiter geht es mit Asia Fusion Cuisine, Sushi, Israelisch, Poke Bowls – alles vegan und am besten aus dem Food Truck – und alles Großstadthemen …

Digital Natives und Landleben? Falsche Frage

Digitalisierung und individuelle Bedürfnisse machen diese Leute aus. Es verblüfft daher umso mehr, dass statt immer nur Home Office, Pendlerpauschale & Co. nie Selbstverständnis, Lebensstil und Weltbild der heranwachsenden und herangewachsenen Generationen bei den Debatten um das Wohnen der Zukunft herangezogen werden. Es geht doch letztlich um die Frage, was die Immobilienpreise treibt und treiben wird. Das ist doch kein „Nischenthema“.

Es ist die elementare Bedürfnisstruktur einer Bevölkerungsgruppe, die für den Wohnungsmarkt immens relevant ist – und doch spielt das Thema bisher allenfalls eine sehr indirekte Rolle. Wie wollen diese Leute wohnen? Was brauchen sie? Es ist eben nicht das Ein-Hektar-Grundstück mit dem 300-Quadratmeter-Garten und dem ausgebauten Kellergeschoss, das den Markt treiben wird.

Deshalb ist weder mittel- noch langfristig ein Rückgang der Wohnungspreise in den attraktiven Großstädten und daran angebundenen Randlagen zu erwarten. Ganz im Gegenteil, Home Office hin oder her: Eine darauf reduzierte Debatte darf getrost als das eingeordnet werden, wovor so regelmäßig gewarnt wird, wenn’s um die Preisentwicklung von Immobilien geht: Spekulation.

Quelle: haufe.de

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